Kalender 2026-01-17

Fallstudie in der Masterarbeit: Aufbau, Methodik und praktische Beispiele

Fallstudie in der Masterarbeit: Aufbau und Methodik mit fünf Schritten | BachelorHero

Inhaltsverzeichnis

Eine Fallstudie in der Masterarbeit ist eine Forschungsmethode, die ein konkretes Phänomen in seinem realen Kontext untersucht. Sie eignet sich für Wie- und Warum-Fragen, bei denen der Kontext wichtig ist und mehrere Datenquellen kombiniert werden sollen. Hier bekommst du den Aufbau in fünf Schritten, eine Entscheidungshilfe für Einzelfall oder Mehrfachfallstudie, eine Vorlage für dein Methodenkapitel und einen Schnellcheck, ob die Fallstudie zu deinem Thema passt.

Auf einen Blick

Definition: Die Fallstudie untersucht ein Phänomen in seinem realen Kontext durch verschiedene Datenquellen (Interviews, Dokumente, Beobachtungen).

Wann sinnvoll: Bei Wie- und Warum-Fragen, komplexen Zusammenhängen und kontextabhängigen Phänomenen, die sich nicht isoliert untersuchen lassen.

Aufbau: Forschungsfrage → Theorierahmen → Datenerhebung → Analyse → Ergebnisdarstellung. Wähle zwischen Einzelfall (Tiefe) oder Mehrfachfall (Vergleich).

Was ist eine Fallstudie in der Masterarbeit?

Die Fallstudie (englisch: Case Study) ist eine Forschungsmethode, die ein Phänomen in seinem natürlichen Kontext untersucht. Der Sozialforscher Robert K. Yin definiert sie als empirische Untersuchung, die ein zeitgenössisches Phänomen in seiner realen Umgebung erforscht, insbesondere wenn die Grenzen zwischen Phänomen und Kontext nicht klar erkennbar sind.

In der Masterarbeit eignet sich die Fallstudie besonders für Fragestellungen, bei denen du verstehen willst, wie oder warum etwas passiert. Anders als bei Experimenten oder Umfragen behältst du den Kontext bei und nutzt mehrere Datenquellen: Interviews, Dokumente, Beobachtungen, Archivmaterial. Diese Triangulation (Kombination verschiedener Datenquellen zur Gegenprüfung) stärkt die Aussagekraft deiner Ergebnisse.

Fallstudie vs. Fallbeispiel: Die Abgrenzung

Nicht jede Arbeit, die einen Fall beschreibt, ist eine Fallstudie. Die Abgrenzung zu verwandten Formaten ist wichtig, weil sie bestimmt, welche methodischen Anforderungen du erfüllen musst.

Fallstudie vs. Fallbeispiel

Ein Fallbeispiel dient nur zur Illustration eines theoretischen Arguments. Du beschreibst einen Fall kurz, um eine These zu verdeutlichen. Eine Fallstudie ist dagegen eine eigenständige Forschungsmethode mit systematischer Datenerhebung, begründeter Fallauswahl und methodisch kontrollierter Analyse.

Erkennst du es in der Gliederung: Hat deine Arbeit ein eigenes Methodenkapitel mit Fallauswahl, Datenquellen und Analysevorgehen? Dann spricht das stark für eine Fallstudie. Wird der Fall nur in einem Unterkapitel erwähnt, um die Theorie zu illustrieren? Dann handelt es sich wahrscheinlich um ein Fallbeispiel. Beachte: Auch andere qualitative Designs haben Methodenkapitel. Die Fallstudie zeichnet sich durch den klar abgegrenzten Fall und die systematische Kombination mehrerer Datenquellen aus.

Typischer Fehler: Eine Arbeit als Fallstudie ankündigen, aber keine systematische Methodik beschreiben. Dann fehlt die wissenschaftliche Grundlage.

Fallstudie vs. Unternehmensbeschreibung

Eine Unternehmensbeschreibung oder Projektdokumentation erzählt, was passiert ist. Eine Fallstudie analysiert, warum es passiert ist und was daraus folgt. Der Unterschied liegt in der analytischen Tiefe und der Verknüpfung mit Theorie.

Erkennst du es in der Gliederung: Endet deine Arbeit nach der Beschreibung dessen, was das Unternehmen gemacht hat? Dann fehlt oft die analytische Tiefe. Eine Fallstudie braucht in der Regel ein Kapitel, das die Befunde interpretiert und mit dem theoretischen Rahmen verknüpft.

Typischer Fehler: Viel Platz für die Darstellung, kaum Platz für die Analyse. Als grobe Orientierung: Oft sollte etwa ein Drittel des Ergebnisteils Interpretation sein (variiert je nach Fach und Betreuung).

Von qualitativen Studien allgemein unterscheidet sich die Fallstudie durch den Fokus auf einen abgegrenzten Fall (eine Organisation, ein Projekt, ein Ereignis). Interviews allein sind für eine vollwertige Fallstudie oft zu dünn. Triangulation (mehrere Datenquellen) gilt als Best Practice. Wenn das in deinem Fall nicht möglich ist, begründe die Einschränkung im Methodenteil und stelle die Limitationen sauber dar.

Schnellcheck: Passt die Fallstudie zu meiner Masterarbeit?

Bevor du dich für eine Fallstudie entscheidest, prüfe mit diesem Schnellcheck, ob die Methode zu deinem Vorhaben passt. Beantworte jede Frage mit Ja oder Nein.

Schnellcheck: 8 Fragen zur Fallstudie

1. Wie- oder Warum-Frage: Zielt deine Forschungsfrage auf Prozesse, Mechanismen oder Erklärungen (nicht auf Häufigkeiten)?

2. Kontextabhängigkeit: Ist das Phänomen eng mit seinem Umfeld verknüpft und lässt sich nicht sinnvoll isoliert untersuchen?

3. Feldzugang: Hast du Zugang zu mindestens einem konkreten Fall (Unternehmen, Organisation, Projekt, Ereignis)?

4. Mehrere Datenquellen: Kannst du neben Interviews auch Dokumente, Beobachtungen oder andere Quellen nutzen?

5. Zeitrahmen realistisch: Hast du genug Zeit für Datenerhebung (Interviews, Dokumentenanalyse) und gründliche Auswertung?

6. Theoretische Einbettung: Gibt es einen theoretischen Rahmen, mit dem du den Fall analysieren kannst?

7. Ethik und Vertraulichkeit: Sind ethische Fragen geklärt (Einwilligungen, Datenschutz, Anonymisierung)?

8. Keine Generalisierung nötig: Reicht dir eine analytische Generalisierung (Theoriebeitrag) statt statistischer Verallgemeinerung?

Auswertung: Bei sechs oder mehr Ja-Antworten ist die Fallstudie wahrscheinlich passend. Bei zwei bis drei Nein-Antworten solltest du prüfen, ob du die Hürden ausräumen kannst (etwa Feldzugang klären) oder ob eine andere Methode besser passt. Achtung: Bei Nein auf Feldzugang (3), Mehrere Datenquellen (4) oder Ethik (7) ist die Fallstudie meist nicht praktikabel. Besprich Unsicherheiten frühzeitig mit deiner Betreuung.

Aufbau einer Fallstudie in fünf Schritten

Aufbau einer Fallstudie in der Masterarbeit: Fünf Schritte von der Fallauswahl bis zur Ergebnisdarstellung | BachelorHero

Der Aufbau einer Fallstudie folgt einer klaren Logik. Du definierst zunächst den Fall und die Forschungsfrage, erhebst dann systematisch Daten aus verschiedenen Quellen und analysierst diese mit Blick auf deine Fragestellung. Die Reihenfolge kann je nach Fach und Forschungsdesign variieren, die fünf Kernschritte bleiben aber konstant.

Schritt 1: Forschungsfrage und Fallabgrenzung

Definiere präzise, was du untersuchen willst und wo die Grenzen deines Falls liegen. Was gehört zum Fall, was nicht? Welchen Zeitraum betrachtest du? Welche Akteure oder Prozesse stehen im Fokus?

Beispiel BWL

„Der Fall umfasst die Einführung eines ERP-Systems bei Unternehmen X im Zeitraum 2022 bis 2024. Im Fokus stehen die Entscheidungsprozesse des Managements und die Reaktionen der Mitarbeitenden."

Stolperstelle: Den Fall zu breit oder zu vage definieren. Je klarer die Abgrenzung, desto fokussierter die Analyse.

Schritt 2: Theoretischer Rahmen

Auch eine Fallstudie braucht einen theoretischen Bezugsrahmen. Du arbeitest nicht theoriefrei, sondern nutzt bestehende Theorien oder Konzepte als Analysebrille. Der Theorieteil zeigt, mit welchen Begriffen und Modellen du den Fall betrachtest.

Formulierungshilfe

„Die Analyse stützt sich auf das Technology Acceptance Model (TAM). Die zentralen Konstrukte (wahrgenommene Nützlichkeit, wahrgenommene Benutzerfreundlichkeit) dienen als Kategorien für die Auswertung der Interviewdaten."

Stolperstelle: Die Theorie nur aufzählen, ohne zu zeigen, wie sie die Analyse leitet. Erkläre, welche Konzepte du konkret anwendest.

Schritt 3: Datenerhebung

Fallstudien nutzen typischerweise mehrere Datenquellen (Triangulation, siehe oben). Dokumentiere genau, welche Daten du wie erhoben hast. Je nach Forschungsinteresse und Feldzugang kombinierst du unterschiedliche Quellen.

Mögliche Datenquellen

Interviews (leitfadengestützt oder narrativ), Dokumente (Protokolle, Berichte, E-Mails), Beobachtungen (teilnehmend oder nicht-teilnehmend), Archivmaterial, quantitative Daten (Kennzahlen, Statistiken).

Stolperstelle: Nur eine Datenquelle nutzen. Mehrere Quellen ermöglichen Gegenprüfung und stärken die Validität.

Schritt 4: Datenanalyse

Die Analyse folgt einer systematischen Logik. Du suchst nach Mustern, vergleichst verschiedene Datenquellen und ordnest die Befunde deinen theoretischen Kategorien zu. Dokumentiere den Analyseprozess nachvollziehbar.

Analysestrategien nach Yin

Pattern Matching (Abgleich mit theoretischen Erwartungen), Explanation Building (schrittweise Erklärungsentwicklung), Cross-Case-Analyse (bei Mehrfachfallstudien), Zeitreihenanalyse (bei Längsschnittdaten).

Stolperstelle: Nur beschreiben, nicht analysieren. Die Analyse muss über die reine Wiedergabe hinausgehen und Zusammenhänge herausarbeiten.

Schritt 5: Ergebnisdarstellung und Diskussion

Präsentiere deine Ergebnisse strukturiert und diskutiere sie im Licht deiner Forschungsfrage und des theoretischen Rahmens. Benenne explizit die Grenzen deiner Studie und die Übertragbarkeit der Erkenntnisse.

Formulierungshilfe Limitation

„Die Erkenntnisse basieren auf einem einzelnen Fall und lassen keine statistischen Generalisierungen zu. Die identifizierten Mechanismen können jedoch als analytische Generalisierung für ähnliche Kontexte dienen."

Stolperstelle: Limitationen verschweigen oder übertriebene Schlussfolgerungen ziehen. Ehrliche Einordnung stärkt die Glaubwürdigkeit.

Einzelfallstudie oder Mehrfachfallstudie?

Einzelfallstudie vs. Mehrfachfallstudie: Unterschiede und Entscheidungskriterien für die Masterarbeit | BachelorHero

Die Entscheidung zwischen Einzelfallstudie und Mehrfachfallstudie hängt von deiner Forschungsfrage, dem Zeitrahmen und dem Erkenntnisinteresse ab. Beide Varianten haben ihre Berechtigung und stellen unterschiedliche Anforderungen.

Die Einzelfallstudie ermöglicht eine besonders tiefgehende Analyse. Sie eignet sich für einzigartige, kritische oder revelatorische Fälle. Wenn du exklusiven Zugang zu einem besonders interessanten Fall hast oder ein Phänomen erstmals empirisch erfassen willst, kann ein einzelner Fall ausreichen. Die Tiefe der Analyse kompensiert hier die fehlende Breite.

Die Mehrfachfallstudie (häufig zwei bis vier Fälle in Masterarbeiten, je nach Fach und Zeitrahmen) ermöglicht Vergleiche und stärkt die Übertragbarkeit. Du kannst Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten und prüfen, ob bestimmte Muster fallübergreifend auftreten. Der Aufwand ist höher, aber die Ergebnisse sind oft robuster.

Entscheidungshilfe: Ein Fall oder mehrere?

Einzelfall wählen, wenn: Der Fall einzigartig oder extrem ist, du besonderen Zugang hast, das Phänomen wenig erforscht ist oder du maximale Tiefe anstrebst.

Mehrere Fälle wählen, wenn: Du Vergleiche anstellen willst, die Übertragbarkeit wichtig ist oder du Replikationslogik anwenden möchtest (gleiche Ergebnisse in ähnlichen Fällen, andere Ergebnisse in kontrastierenden Fällen).

Vorlage: So strukturierst du das Methodenkapitel

Methodenkapitel für die Fallstudie strukturieren: Sechs Bausteine von Fallabgrenzung bis Qualitätssicherung | BachelorHero

Das Methodenkapitel ist das Herzstück deiner Fallstudie. Hier begründest du alle Entscheidungen so transparent, dass andere dein Vorgehen nachvollziehen können. Die folgende Vorlage zeigt dir die sechs Bausteine mit Formulierungshilfen.

Vorlage Methodenkapitel Fallstudie
3.1

Forschungsdesign und Fallabgrenzung

„Die vorliegende Arbeit folgt einem [Einzelfall- / Mehrfachfall-]Design nach Yin (2018). Der Fall umfasst [konkretes Phänomen] bei [Organisation/Kontext] im Zeitraum [von–bis]. Die Analyseeinheit ist [Person / Abteilung / Prozess / Organisation]."

3.2

Fallauswahl und Begründung

„Der Fall wurde als [typischer / kritischer / extremer / revelatorischer] Fall ausgewählt, weil [Begründung]. [Unternehmen X] eignet sich besonders, da [Relevanz für Forschungsfrage]. Der Feldzugang wurde durch [Kontakt/Gatekeeper] ermöglicht."

Ausgefülltes Beispiel

„Der Fall wurde als typischer Fall ausgewählt, weil das Unternehmen hinsichtlich Größe (120 Mitarbeitende), Branche (Maschinenbau) und Digitalisierungsgrad repräsentativ für den deutschen Mittelstand ist. Unternehmen A eignet sich besonders, da es 2022 ein ERP-System eingeführt hat und damit den Untersuchungsgegenstand aktuell abbildet. Der Feldzugang wurde durch den IT-Leiter ermöglicht, der als Gatekeeper alle Interviewtermine koordinierte."

3.3

Datenquellen und Sampling

„Die Datenerhebung stützt sich auf [Anzahl] leitfadengestützte Interviews, [Anzahl] Dokumente sowie [weitere Quellen]. Die Interviewpartner wurden nach [Kriterien] ausgewählt. Tabelle X gibt einen Überblick über alle Datenquellen."

3.4

Erhebungsablauf

„Die Interviews wurden zwischen [Zeitraum] geführt und dauerten durchschnittlich [X] Minuten. Alle Gespräche wurden aufgezeichnet und wörtlich transkribiert. Die Dokumentenanalyse erfolgte parallel zur Interviewphase."

3.5

Auswertungsmethode

„Die Auswertung folgt der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015). Die deduktiven Kategorien wurden aus [Theorie] abgeleitet, induktive Kategorien während der Analyse ergänzt. Die Kodierung erfolgte mit [Software/manuell]."

3.6

Qualitätssicherung

„Zur Sicherung der Gütekriterien wurden folgende Maßnahmen ergriffen: Nutzung mehrerer Datenquellen (Triangulation), Dokumentation aller Schritte in einem Forschungstagebuch, Prüfung der Falldarstellung durch einen Schlüsselinformanten (Member Check) sowie systematische Suche nach Alternativerklärungen."

Richtwerte für die Masterarbeit: Plane sechs bis zwölf Interviews pro Fall, abhängig von der Komplexität. Bei Einzelfallstudien sind acht bis zehn Gespräche oft realistisch. Ergänze mindestens fünf bis zehn Dokumente (Protokolle, Berichte, interne Präsentationen). Rechne pro Interview mit 60 Minuten Gesprächszeit plus etwa drei Stunden für die Transkription. Diese Zahlen sind grobe Orientierungswerte. Vorgaben variieren je nach Fach, Lehrstuhl und Betreuung. Kläre die Mindestanforderungen frühzeitig ab.

Tipp: So organisierst du deine Fallstudien-Datenbank

Eine strukturierte Datenbank macht deine Fallstudie nachvollziehbar und erleichtert dir die Arbeit bei der Analyse. Lege von Beginn an einen Projektordner mit klarer Struktur an: Interviewtranskripte (nummeriert, z.B. INT01), Dokumente (DOK01), Beobachtungsprotokolle (BEOB01) sowie ein Ordner für Memos und Analysenotizen.

Muss-Felder deiner Quellenübersicht

Quellen-ID: Eindeutige Kennung (z.B. INT01, DOK03) für schnelle Referenz im Text.

Datum: Wann wurde die Quelle erhoben/erstellt?

Quellentyp: Interview, Dokument, Beobachtung, Sekundärdaten.

Kurzinhalt: 1–2 Sätze zum Kerninhalt für schnelles Auffinden.

Memo/Code: Erste analytische Notizen und zugeordnete Kategorien.

Mit dieser Struktur kannst du jeden Befund in deiner Arbeit auf die Originalquelle zurückführen. Das stärkt die Nachvollziehbarkeit und erleichtert dir auch das Schreiben: Du findest Belege schneller und vermeidest Doppelarbeit.

Fallstudie Masterarbeit Beispiel

Hier siehst du zwei gekürzte Beispiele für Fallstudien in verschiedenen Fächern. Achte darauf, wie der Fall abgegrenzt, die Auswahl begründet und die Datenquellen benannt werden.

Beispiel Wirtschaftswissenschaften

„Die vorliegende Arbeit untersucht die digitale Transformation eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens im Zeitraum 2021 bis 2024. Der Fall wurde als typischer Fall ausgewählt, da das Unternehmen hinsichtlich Größe, Branche und Digitalisierungsgrad repräsentativ für den deutschen Mittelstand ist. Die Datenerhebung umfasste acht leitfadengestützte Interviews mit Führungskräften und Mitarbeitenden, die Analyse interner Dokumente (Strategiepapiere, Projektberichte) sowie die Auswertung von Unternehmenskennzahlen. Die Interviewdaten wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet und mit den Dokumentendaten trianguliert."

Beispiel Sozialwissenschaften

„Die Fallstudie analysiert die Integration geflüchteter Jugendlicher in einer Berufsschulklasse über ein Schuljahr. Der Fall wurde als revelatorischer Fall gewählt, da die Forscherin als Lehrkraft einzigartigen Zugang zu Alltagsinteraktionen hatte. Die Datenerhebung kombinierte teilnehmende Beobachtung (dokumentiert in Feldnotizen), narrative Interviews mit sechs Schülern sowie die Analyse von Schülerarbeiten und Zeugnissen. Die Auswertung folgte der Grounded Theory nach Strauss und Corbin, um die Bewältigungsstrategien der Jugendlichen induktiv herauszuarbeiten."

Typische Fehler vermeiden

  • Fallauswahl nicht begründen: Die Auswahl erscheint willkürlich, wenn du nur schreibst „Unternehmen X wurde als Fall gewählt". Erkläre nach welchen Kriterien du ausgewählt hast (typischer, kritischer, extremer oder revelatorischer Fall) und warum dieser Fall für deine Forschungsfrage relevant ist.
  • Nur beschreiben statt analysieren: Eine Fallstudie ist keine reine Fallbeschreibung. Du musst die Daten mit Blick auf deine Forschungsfrage und den theoretischen Rahmen interpretieren. Als grobe Orientierung: Oft sollte etwa ein Drittel des Ergebnisteils Interpretation sein, nicht Nacherzählung (variiert je nach Fach und Betreuung). Konkrete Technik: Schreibe zu jedem Befund einen Satz nach dem Schema „Befund → Bedeutung → Theoriebezug". Ein Beispiel: „Befund: Alle Befragten nannten fehlende Schulung als Hindernis. Bedeutung: Das Unternehmen hat die Qualifizierungsphase unterschätzt. Theoriebezug: Dies entspricht dem im TAM beschriebenen Zusammenhang zwischen wahrgenommener Benutzerfreundlichkeit und Akzeptanz."
  • Generalisierbarkeit überschätzen: Ein einzelner Fall beweist keine allgemeine Regel. Formuliere vorsichtig: „Im untersuchten Fall zeigte sich..." statt „Unternehmen müssen immer...". Analytische Generalisierung (Beitrag zur Theorie) ist möglich, statistische Generalisierung nicht.
  • Nur eine Datenquelle nutzen: Triangulation (mehrere Datenquellen) ist Best Practice und stärkt die Validität. Ergänze Interviews möglichst durch Dokumente, Beobachtungen oder quantitative Daten. Falls das nicht möglich ist, begründe die Einschränkung und diskutiere sie als Limitation.
  • Dokumentation vernachlässigen: Ohne saubere Dokumentation (Forschungstagebuch, Quellenübersicht, Kodierprotokoll) wird dein Vorgehen nicht nachvollziehbar. Lege von Beginn an eine strukturierte Datenbank an. Das erleichtert auch dir selbst die Arbeit, wenn du nach Wochen einen Befund überprüfen willst.

Nächster Schritt: Von der Fallstudie zum Ergebnisteil

Wenn du die Datenerhebung abgeschlossen und die Analyse durchgeführt hast, strukturierst du den Ergebnisteil. Eine bewährte Struktur präsentiert erst die Falldokumentation (Was ist passiert?), dann die Analyse (Welche Muster zeigen sich?) und schließlich die Interpretation (Was bedeutet das für die Forschungsfrage?).

Bei Mehrfachfallstudien entscheidest du zwischen zwei Darstellungsformen: Die Within-Case-Analyse präsentiert jeden Fall zunächst einzeln und vertieft, bevor du in der Cross-Case-Analyse die Fälle systematisch vergleichst. Alternativ gehst du thematisch vor und stellst die Fälle direkt gegenüber. Die erste Variante eignet sich bei komplexen Fällen, die zweite bei klaren Vergleichskategorien.

Vergiss nicht, die Limitationen deiner Studie zu benennen. Welche Daten waren nicht zugänglich? Welche Perspektiven fehlen? Wie beeinflusst die Einzelfall- oder Mehrfachauswahl die Übertragbarkeit? Ehrliche Reflexion stärkt deine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Wenn du mit sensiblen Daten arbeitest, beachte auch die ethischen Grundsätze.

Was du jetzt konkret machst
1

Design wählen: Entscheide dich für Einzelfall oder Mehrfachfall und begründe die Wahl in einem Satz.

2

Fall definieren: Grenze den Fall klar ab (Zeitraum, Akteure, Analyseeinheit) und formuliere die Forschungsfrage.

3

Datenzugang klären: Kontaktiere potenzielle Interviewpartner und kläre den Zugang zu Dokumenten. Hole Einwilligungen ein.

4

Erhebungsplan erstellen: Lege fest, wann du welche Interviews führst und welche Dokumente du analysierst. Plane Puffer ein.

5

Auswertungsschritte festlegen: Wähle deine Analysemethode (z.B. qualitative Inhaltsanalyse) und bereite das Kategoriensystem vor.

Wenn du deine Masterarbeit drucken und binden lassen möchtest, kannst du das bei BachelorHero online konfigurieren.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Fälle sollte eine Fallstudie in der Masterarbeit umfassen?

Das hängt von der Forschungsfrage und dem verfügbaren Zeitrahmen ab. Ein einzelner Fall ermöglicht eine tiefgehende Analyse, während zwei bis vier Fälle Vergleiche erlauben. Bei mehr als fünf Fällen wird die Tiefe oft zu gering. Kläre mit deiner Betreuung, welche Anzahl für dein Thema sinnvoll ist.

Wie viele Interviews brauche ich für eine Fallstudie?

Ein Richtwert für Masterarbeiten: sechs bis zwölf Interviews pro Fall, abhängig von der Komplexität. Bei einem Einzelfall sind acht bis zehn Gespräche oft realistisch. Wichtiger als die Zahl ist die Sättigung: Wenn neue Interviews keine neuen Erkenntnisse mehr liefern, hast du genug. Plane etwa 60 Minuten pro Interview plus drei Stunden für Transkription. Die genauen Anforderungen variieren je nach Fach und Betreuung, kläre sie frühzeitig ab.

Wie schreibe ich die Falldarstellung, ohne nur zu erzählen?

Trenne Beschreibung und Analyse klar. Im Darstellungsteil präsentierst du die Fakten chronologisch oder thematisch. Nutze Zwischenüberschriften, die deine Analysekategorien spiegeln. Im Analyseteil interpretierst du dann: Was bedeuten die Fakten für deine Forschungsfrage? Verknüpfe jeden Befund explizit mit deinem theoretischen Rahmen.

Welche Teile muss ich bei Unternehmensdaten anonymisieren?

Anonymisiere Namen (Unternehmen, Personen, Produkte), exakte Umsatzzahlen, Marktanteile und geografische Details, die Rückschlüsse erlauben. Im Methodenteil schreibst du: „Aus Vertraulichkeitsgründen wurde das Unternehmen anonymisiert und wird im Folgenden als Firma A bezeichnet." Halte die Vereinbarung mit dem Unternehmen schriftlich fest.

Kann ich eine Fallstudie mit quantitativen Daten kombinieren?

Ja, Fallstudien können qualitative und quantitative Daten kombinieren. Dieses Mixed-Methods-Design stärkt oft die Aussagekraft. Du könntest etwa Interviewdaten durch Kennzahlen oder Umfrageergebnisse ergänzen. Wichtig ist, dass die Methodenkombination zur Forschungsfrage passt.

Wie begründe ich die Auswahl eines einzelnen Falls?

Begründe die Fallauswahl nach wissenschaftlichen Kriterien: besondere Relevanz, einzigartiger Zugang, theoretische Bedeutung oder praktische Aktualität. Benenne auch die Limitationen, die sich aus der Einzelfallauswahl ergeben. Die Begründung gehört in das Methodenkapitel.

Was gehört in eine Fallstudien-Datenbank?

Die wichtigsten Felder: Quellen-ID (z.B. INT01), Datum, Quellentyp, Kurzinhalt und analytische Memos. Die ausführliche Struktur mit allen Muss-Feldern findest du im Abschnitt „Tipp: So organisierst du deine Fallstudien-Datenbank" weiter oben.

Ist eine Fallstudie weniger wissenschaftlich als eine quantitative Studie?

Nein. Die Fallstudie ist eine anerkannte wissenschaftliche Methode mit eigenen Gütekriterien. Sie eignet sich besonders für komplexe Phänomene, die sich nicht auf wenige Variablen reduzieren lassen. Wichtig ist, dass du methodisch sauber vorgehst und die Grenzen der Generalisierbarkeit benennst.

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